Eine frei verfügbare Kurzgeschichte aus der Welt von Im Arm der Schicksalgöttin.
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J.D.Drommer
„Eine Erzählung aus der Sammlung Im Arm der Schicksalsgöttin.”
Ich werde die Europäer wohl nie verstehen. Sie sind so seltsam. Ihre Traditionen sind so biegsam, ihre Moral so fragwürdig, dass ich kaum Worte finde, sie zu beschreiben. Sie werfen jeden Traum, jede Liebe, jede Idee, die sie einst auf ihrem Lebensweg begleitete – sei es kurz oder lang – achtlos über Bord. Irgendwann sind ihnen alte, wertvolle Dinge einfach nicht mehr wichtig. Zumindest habe ich noch keinen getroffen, bei dem es anders gewesen wäre. Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig, mir selbst einzugestehen, dass dieses Land, diese Welt, dieser Ort der Sehnsüchte keine anderen Menschen anzieht als solche zwielichtigen Gestalten. Und da ich auch nie andere Europäer kennengelernt habe, kann ich kaum behaupten, dass es noch andere gäbe.
– Jusef! Ist es noch weit? – fragte der grau bärtige Engländer.
– Nein, Sir. Noch weiter östlich fahren.
– Es gefällt mir nicht, dass wir so tief in die Wüste vordringen. Wir entfernen uns zu sehr von der Zivilisation.
– Was Sie suchen, meine Herren, kann unmöglich mitten in einer Stadt liegen. Wäre es so, würde jedermann davon wissen, und die ganze Welt hätte längst von seinem Segen gekostet.
– Ja, meine Herren! Was für ein Abenteuer wäre es, einen Schatz neben einer Taverne oder einem Bordell zu suchen! – übersetzte einer der Engländer meine Worte in die Sprache der selbstsicheren Narren.
– Gewiss ein rasantes Abenteuer! – rief ein anderer, woraufhin alle in schallendes Gelächter ausbrachen.
– Aber was ist mit den gottlosen Bestien? Wie könnten die in einer Stadt existieren?
– Mark! Erinnerst du dich nicht an das Bordell in Walachei
auf dem Hinweg? – wieder lachten sie laut im Chor und begannen, über die dortigen Freudenmädchen zu reden.
Es ist ein seltsames Gefühl. Ich habe es schon unzählige Male erlebt, aber ich kann es bis heute nicht ganz einordnen. Ich sitze in einem Automobil, begleitet von drei weiteren, umgeben von fünfzehn Engländern, fröhlich, abenteuerlustig – und keiner von ihnen, außer mir, weiß, dass sie bis zum Morgengrauen alle tot sein werden. Ich verderbe ihnen ihre letzten Stunden nicht.
Wir fahren in offenen Automobilen, schneller als jeder Dromedar. Hinter uns rollen gewaltige Staubwolken, über uns der klare Nachthimmel. Tausende Sterne blicken auf uns herab. Eine friedliche, stille Nacht. Kein Vorzeichen des bevorstehenden Blutbads. Während wir durch die Nacht jagen, sehe ich im Augenwinkel die Silhouette eines bekannten Felsens an uns vorbeigleiten. Wenig später passieren wir erneut einen Felsen – mit breitem, flachem Dach, eine vertraute Form.
– Langsamer! – sagte ich.
Der grau bärtige Engländer gab ein Zeichen, und wir wurden langsamer.
– Kommen wir näher? – fragte er.
– Ja. Die Felsen weisen den Weg.
Als wir langsam weiterfuhren, tauchte im Scheinwerferlicht ein weiterer Felsen auf.
– Anhalten. – sagte ich, und auf das Kommando des Engländers hielten die kaum noch kriechenden Fahrzeuge an. Der Motorenlärm verklang, ebenso das fröhliche Geplauder.
– Wo sind wir? – fragte der Engländer.
– Nicht weit vom Ziel entfernt.
– Woher weißt du das? Man kann kaum etwas erkennen bei dieser Dunkelheit.
– Die Felsen. Der Pfad zur Quelle ist aus dieser Richtung von acht Felsen gesäumt. Der neunte, der größte, birgt die Höhle.
– Ist das hier der erste Felsen auf dem Weg?
– Nein. Das ist bereits der vierte.
– Was?
– Wie du selbst sagtest, es ist dunkel. Nacht. Den ersten habe ich nicht gesehen, nur den zweiten im Augenwinkel. Beim dritten sagte ich, ihr sollt langsamer fahren.
– Könntest auch früher was sagen.
– Ich war es nicht, der im Schutze der Nacht aus der Ferne heranschleichen wollte. Und auch nicht derjenige, der durch die Wüste rasen wollte.
– Wir mussten uns beeilen, weil Dave betrunken unseren Plan an die Konkurrenz ausgeplaudert hat.
– Es gibt keinen Plan. Nicht ohne mich. Ohne einen Führer findet niemand den Weg.
– Und du bist der Einzige, der den Ort kennt, richtig?
– Ganz wie ich sagte.
– Schon seltsam. Denn den Polen hat der andere Typ im Lager genau dasselbe erzählt.
– Wahrscheinlich nur ein Lockvogel, der die Armen in die Hände von Räubern führt.
– Weißt du, ich bin mir noch immer nicht sicher, ob dieser Jemand nicht du selbst bist.
– Du bist mit fünfzehn Mann unterwegs, guter Herr. Ihr sitzt in Automobilen, mit so vielen Waffen, dass man einen kleinen Krieg damit führen könnte. Welche Räuberbande würde es wagen, euch anzugreifen?
– Und was ist mit den Polen?
– Sie waren mit ihrem Anführer zu siebt. Sieben dürre Dromedare, jeder mit einer Pistole, und, soweit ich sah, drei Gewehren. Ein leichtes Ziel. Wir sind es nicht.
– Ich rate dir, mach uns nicht zum Narren. – Der Blick des Engländers schweifte in die Ferne. – Wie weit ist es noch?
– Mit Kamelen vielleicht drei Stunden. Mit Automobilen eher weniger. Aber wir müssen langsam fahren. Wir dürfen keinen weiteren Fehler machen, denn …
– … wir könnten direkt in die Bestie fahren.
– Ja, mein Herr. – bestätigte ich.
– Die Scheinwerfer?
– Können noch anbleiben. Wir sind noch nicht nah genug.
– Glauben Sie nicht an die Märchen der Eingeborenen, Sir!
– Früher habe ich genauso gedacht. Doch der Krieg hat alles verändert. Was ich im Großen Krieg sah …
Der bärtige Engländer erzählte, welche schrecklichen Bestien er in seiner Jugend während des Großen Krieges gesehen hatte. Unmenschliche, gigantische Kreaturen, die Flugzeuge und Panzer zerrissen und die Schützengräben pflügten, während die Soldaten darin verzweifelt Deckung suchten. Seine Gefährten sagten nur, der Alte habe wohl einen Schock durch eine nah explodierte Mine oder einen Gasangriff erlitten. Was auch immer die Wahrheit sein mag – vielleicht ist er der Einzige, der die Geschichten, die ich erzähle, wirklich fürchtet. Der Einzige, der diesen Weg in die tiefe, trostlose Wüste scheut. Doch nicht genug, um nicht der Hoffnung auf den sagenhaften Schatz zu folgen. Auf die Quelle, von der ein einziger Schluck mehr wert ist als alles andere auf dieser Welt. Das Wasser des ewigen Lebens, das Ende der sterblichen Existenz. Wüssten sie nur, was ich weiß – sie wären nie aufgebrochen, um es zu suchen.
– Wir sollten langsam weitergehen.
– Alle Mann! Waffen in die Hand! – befahl der Engländer.
Mit den Fahrzeugen setzten wir uns langsam in Bewegung, in V-Formation wie ziehende Wildgänse. Am Himmel die strahlenden Sterne, auf der Erde Stille, Frieden und unheilvolle Dunkelheit.
Langsam kämpften wir uns vorwärts, bis das Mondlicht schließlich unser Ziel erhellte.
– Sehen Sie! – zeigte ich vor mich. – Dort wollen wir hin. Der hohe Felsen, auch genannt die Säule des Himmels. Er ragt aus dem Sandmeer der Wüste inmitten des Nichts empor, fast dreihundert Meter hoch. Am Fuß des Felsens befindet sich eine Höhle, die tief in die Erde führt. Dort, in der tiefsten Tiefe, liegt das, wonach Sie suchen.
Der alte Engländer gab den Befehl. Wir stiegen alle aus den Wagen und bewegten uns langsam und leise auf den Felsen zu. Ich, der grauhaarige Mann und zwei weitere führten die Gruppe dicht nebeneinander an, während die anderen locker hinter uns hergingen. Die Gläser der Öllampen waren geschlossen, nur schwaches Licht drang durch die Ritzen. Langsam und nervös schlichen wir weiter. Minuten verstrichen.
– So erreichen wir unser Ziel nicht einmal bis zum Morgengrauen, Sir. – meldete sich eine Stimme von hinten.
– Halt den Mund, Johnson! – fuhr ihn der alte Engländer an.
Plötzlich blieben wir stehen. Ein seltsames Gefühl breitete sich unter unseren Füßen aus. Es war, als würde der Boden sich bewegen, wie Wellen.
– Halt! – rief der Engländer laut.
Wie mein Gehör bestätigte, blieb jeder stehen. Der Alte legte vorsichtig seine Tasche ab und kniete sich nieder. Ich folgte ihm. Er hielt die Öllampe in Richtung Boden und öffnete vorsichtig die Klappe einen Spalt breit. Im durchdringenden Licht sahen wir, wie der Sand zitterte, wie er sich kräuselte, wie er sich wand wie tausend Schlangen. Ich wandte mich dem Engländer zu.
– Es ist hier. – Da erreichte mich aus der Ferne ein seltsames Geräusch. Das hastige Poltern schwerer Schritte. Ein großer Körper raste auf uns zu. Ich wollte gerade etwas sagen.
– Sir! Wir verlieren den Schatz, wenn wir so weitertrödeln! – meldete sich erneut dieser Johnson.
– Johnson! Halten Sie endlich den Mund!
Doch es war bereits zu spät. Der massige Körper raste mit weichen, aber schweren Schritten, begleitet vom Wind und einem tiefen Grollen, mitten durch unsere Reihen. Johnson schrie auf – und verstummte dann in einem markerschütternden, plötzlich abreißenden Laut.
Ich kniete mich zu Boden, und nach meinem Gehör taten es auch die anderen Engländer. Ihr Atem wurde flach, nur der schwache Wind, der durch den Wüstensand strich, war zu hören – und das Donnern ihrer Herzen, gepeitscht von Zweifel und Angst, das wie ein Sturm um mich tobte.
– M-mein Herr? Mein Herr? – flüsterte eine zitternde, verängstigte Stimme.
– Ja, Boyle? – antwortete der alte Engländer.
– Wo ist Johnson? Was ist passiert? – fragte die zitternde Stimme.
– Ich habe nichts gesehen, Boyle.
Jedem war der Boden unter den Füßen gefroren vor Angst. Eine unnatürliche Furcht legte sich über sie – stärker als alles, was sie je zuvor gespürt hatten. Langsam griff ich unter mein Gewand und zog das Medaillon hervor. Es war mit uralten, längst verlorenen Zeichen verziert.
Wieder hörten wir hastige, polternde Schritte. Schnell näherten sie sich. Alle hielten den Atem an, ihre Herzen schlugen ihnen bis zum Hals. Dann rauschte das Wesen an uns vorbei, begleitet von einem tiefen, grollenden Brüllen – wütend, weil es uns nicht erreicht hatte. Wie auch immer, gegen die Macht des Medaillons wagten sie sich nicht zu stellen.
– Hört her! – sagte der graue Engländer. – Wir können hier nicht bleiben. Dunkelheit hin oder her – es wird uns finden. Wenn nicht vorher, dann bei den ersten Strahlen des Morgens. Macht euch bereit. Wenn wir es wieder hören und seine Richtung erkennen, werde ich den Lampenschirm öffnen und sie weit fortwerfen. Sobald es sich darauf stürzt, springen wir auf und rennen zu den Wagen.
– Aber Herr … – begann eine von Tränen erstickte, zitternde Stimme.
– Boylde! Das ist unser Plan. Oder wir sterben. Sammle deinen ganzen Mut und glaub mir: Du bist kaum siebzehn, der Tod darf dich hier noch nicht holen. Dein Leben liegt noch vor dir – deine rundhüftige, langbeinige Liebste, deine schwarzhaarige Tochter mit sternenklaren Augen, dein breitschultriger, stattlicher Sohn. Vor dir liegt noch, dass du deinen Kindern und Enkeln von dieser Nacht erzählst. Und vor dir liegt noch, dass deine Witwe dir mit einem letzten Kuss Lebewohl sagt. Das liegt alles noch vor dir. Also wenn ich sage, du rennst … dann rennst du wie kein anderer auf dieser ganzen runden Welt! Hast du verstanden?
– Ja, Herr. – sagte die zitternde Stimme.
Die Engländer wussten nichts vom Medaillon. Sie wussten nicht, womit sie es tatsächlich zu tun hatten. Oder sie wollten es nicht wissen. Zumindest der alte Graue nicht. Doch der junge Boylde wusste es bereits. Er wusste, dass ihm nichts von dem zusteht, was der alte Mann aufgezählt hatte.
– Du, Sarazene! – wandte sich der Engländer an mich.
– Ja, mein Herr?
– Bist du bereit?
– Natürlich, mein Herr.
– Deine Stimme klingt verdächtig ruhig!
– Ich vertraue Ihnen, mein Herr.
Das polternde Geräusch kam wieder näher. Immer schneller, immer deutlicher. Dann raste es erneut an uns vorbei. Der Luftzug seiner Schritte wirbelte den Sand um uns herum auf. Der graue Engländer wartete, lauschte angespannt. Als er meinte, das Biest sei weit genug entfernt, öffnete er den Lampenschirm und warf die Lampe weit fort – in die entgegengesetzte Richtung der Automobile.
– Auf! Los! – zischte der Befehl.
Die Engländer rannten los in Richtung der Wagen. Nur zwei blieben zurück. Ich – und der junge Engländer, dessen Glieder trotz aller aufmunternden Worte vom Entsetzen wie aus Stein gefroren waren.
Ich zog meine eigene Lampe hervor, öffnete vorsichtig den Schirm, und hob das Licht auf Gesichtshöhe.
– Es tut mir leid, Junge! Dieses Schicksal hättest du nicht verdient. Zumindest nicht in so jungen Jahren.
Der Junge blickte mich mit von Tränen überströmten, ängstlichen Augen an. Dann beugte sich im Licht aus der Dunkelheit ein riesiger, form- und gesichtsloser, brauner Körper über uns. Boylde keuchte panisch und sah mit weit aufgerissenen Augen zu dem Monstrum hinauf. Mit seinem letzten Atemzug versuchte er noch zu schreien, doch das Wesen schlug zu, und mit einem entsetzlichen, unnatürlichen Quietschen war der Junge tot. Mit einem einzigen Hieb wurde sein Körper zerschmettert. Danach beugte sich das Wesen zu mir. Es hatte keine Augen, doch es sah. Es hatte keine Ohren, doch es hörte. Es sah das Medaillon an meinem Hals. Es hörte die Worte, die ich in einer uralten, längst vergessenen Sprache zu ihm sprach.
– Töte sie!
Das Wesen raste an mir vorbei und stürmte hinter den Engländern her. Zu ihrem Unglück war es nicht allein. Die in loser Formation fliehende Gruppe wurde von den Monstern einfach überrannt, menschliche Körper zerbarsten zu Brei. In der Ferne sah ich, wie die Scheinwerfer eines Automobils aufflackerten, dann erzitterten, als eines der Bestien den Engländer aus dem Fahrersitz riss.
Der alte Engländer stolperte vor dem Wagen und fiel zu Boden. Als er sich umdrehte, konnte er noch sehen, wie riesige Hände aus der Dunkelheit seine letzten Kameraden verschlangen. Dann, als niemand mehr übrig war, traten zwei riesige Ungeheuer aus dem Schatten. Braun und kaum menschlich in ihrer Form, groß wie ein massiger Körper, ohne Gesicht, ohne Ohren. Sie waren aus Lehm geschaffen worden. Sie waren Golems. Der grauhaarige Engländer zog einen kleinen Gegenstand aus seiner Tasche, riss eine Schnur heraus und führte ihn an seine Lippen.
– Räche mich!
Aus dem kleinen Stab erklang eine leise, glockenhelle Melodie, dann fielen die Kreaturen über ihn her.
Ich trat näher an das Automobil. Die Golems waren bereits verschwunden und hatten die Leichen mitgenommen. Im Licht der Scheinwerfer lag nur die kleine Spieluhr, die im Sand steckengeblieben war. Ich hob sie auf, um sie mir genauer anzusehen. Der blockierte Mechanismus setzte sich wieder in Bewegung. Merkwürdige Zeichen waren eingraviert, und eine menschliche Figur war darauf zu sehen – einfach, fast stabförmig. Die Schatulle war aus Silber, dennoch war sie matt und glanzlos. Mit dem letzten Ruck zog sich die Feder vollständig zurück in die stabförmige Schatulle, begleitet von einem letzten klingenden Klick. Über der Inschrift auf dem Stabkästchen lief ein blau leuchtendes Licht, bis es die Figur erreichte. Die Figur glänzte im blauen Licht.
Langsam vergeht die Zeit in der Wüste. Am Tag brennende Hitze und sengende Sonne, am Abend zieht lebensspendende Kühle über das Land. Jeder Tag scheint eine Ewigkeit zu sein, während man auf die Dämmerung wartet, und die Nacht vergeht wie ein Wimpernschlag. Dies ist kein Land für fremde Völker. Viele Reiche hat diese raue Welt bereits gebrochen und gequält. Man könnte sagen, einst barg sie keine Reichtümer, doch seitdem man unter dem Sand Öl fand, und seitdem die Wissenschaft Pferde aus Gummi und Eisen gebaut hat, die das schwarze Wasser trinken, kommen immer mehr Entdecker, Abenteurer und Gesandte ferner Herrscher. Schon im Großen Krieg zeigte sich, dass diese Welt vom rechten Pfad abgekommen war, als Millionen durch die neuen Bestien aus Gummi und Stahl ihr Leben ließen. Sie trinken das Blut der Wüste, damit ihre Reiter schneller reiten, weiter reisen und mehr Leben nehmen können als je zuvor.
Zum Glück liegt unser kleines Dorf fernab von allem. Fern vom Blut der Wüste, fern vom Katz-und-Maus-Spiel der Politik. Nur ein unbedeutendes Dorf in einem sonnenverbrannten, abgelegenen Winkel der Welt. Ich betrachtete die stabförmige Schatulle, die der alte Engländer hinterlassen hatte. Die Figur darauf leuchtete längst nicht mehr blau. Vielleicht hatte sie nie wirklich geleuchtet, sondern nur das Mondlicht reflektiert. Auch die Melodie war verstummt, vollständig verklungen. Die Wüste verschont nichts. Die Spieluhr war wohl beschädigt. Man konnte sie noch aufziehen, doch sie gab nur ein leises Knarren von sich. Die Schriftzeichen darauf waren unbekannt. Weder lateinisch noch arabisch, nicht kyrillisch, und auch dem Griechischen ähnelten sie nicht. Sehr merkwürdig.
Im Gasthaus um mich herum saßen Menschen aus westlichen und östlichen Ländern, tranken, lachten und unterhielten sich. Die Melodie der verschiedensten Sprachen erfüllte die Luft. Eine polnische Gruppe hatte mich als Führer angeheuert. Mit großen Hoffnungen und der fixen Idee vom Schatz waren sie hierhergekommen. Genau wie alle anderen Fremden. Sie waren auf der Suche nach Glück, nach dem sagenumwobenen Wunder. Narren allesamt – und nichts weiter.
Ich war gerade wieder tief in die Betrachtung des merkwürdigen Gegenstands versunken, als sich eine Gestalt an meinen Tisch setzte.
– Einen schönen Tag wünsche ich – sagte er auf Arabisch.
– Ebenso – antwortete ich.
Hier ist die literarisch gehaltene deutsche Übersetzung des neuen Abschnitts. Die Absätze und Dialoge wurden gemäß deiner Formatierung mit Gedankenstrichen dargestellt:
Der Mann war seltsam – groß und kräftig, mit einem jungen Gesicht, kaum über zwanzig. Doch seine Augen, seine goldbraunen Augen erzählten eine andere Geschichte. Sie wirkten wie die eines uralten Greises, der schon die halbe Welt gesehen und sich längst an seiner eigenen Existenz sattgesehen hatte. Auch seine Kleidung passte eher zu diesen Augen: alt, abgetragen und zerschlissen. Man sah ihm an, dass dies, zusammen mit seiner großen, ramponierten Tasche, sein ganzer Besitz war.
– Kann ich Ihnen helfen? – fragte ich.
– Möglich. – sagte er lächelnd und führte das Glas an seine Lippen.
– Wobei denn?
– Können Sie mir sagen, was dieses weltliche Volksfest hier zu bedeuten hat? Suchen sie etwa nach Öl?
– Das wissen Sie nicht?
– Nein.
– Nach Öl suchen sie nicht. Dafür müssten sie weiter östlich oder nördlich gehen.
– Warum versammeln sie sich dann ausgerechnet hier?
– Sie wissen es wirklich nicht? Sie suchen etwas, das sie aus einer Sage kennen.
– Aus einer Sage?
– Einer Legende. Sie sind nicht ihretwegen hier, oder? Was hat Sie in diese sonnenverbrannte Wüste geführt?
– Ich bin wegen eines Freundes hier. Ich erhielt eine Einladung von ihm.
– Sehen Sie ihn hier irgendwo?
– Nein. Aber er war schon einmal hier.
– Woher wissen Sie das?
– Er hat es mir mitgeteilt.
– Wie heißt Ihr Freund, aus welchem Land kommt er? Vielleicht kann ich Ihnen helfen.
– Das ist nicht nötig, danke. Erzählen Sie mir lieber von dieser Legende!
– Es gibt viele Versionen. Ich weiß nicht, welche hier die Leute gehört haben.
– Worum geht es, dass es so viele Menschen hierher gelockt hat?
– Um eine Quelle in der Wüste.
– Sie meinen eine Oase?
– So etwas in der Art.
– Zugegeben, das wäre ein großer Schatz hier draußen in der Wüste, aber aus Deutschland oder dem Britischen Königreich hierherzukommen scheint doch etwas übertrieben.
– Dieses Wasser ist anders als jedes andere, das ein Mensch je finden kann. Es ist besonders. Wer davon trinkt, besiegt Not, Krankheit – ja sogar den Tod.
Der große, junge Mann nahm einen seltsamen Gesichtsausdruck an, dann sprach er:
– Ahh… also die Quelle der ewigen Jugend. Ich erinnere mich an Zeiten, da suchte man sie noch in der Neuen Welt.
– Sie erinnern sich an Zeiten? – fragte ich verwundert.
– Bitte schenken Sie meinen Worten keine Beachtung. Würden Sie mir einen Gefallen tun?
– Was wünschen Sie?
– Ich möchte Sie auf Ihrer nächsten Reise in die Wüste begleiten!
– Es tut mir leid, mein Herr, aber das liegt nicht in meiner Macht.
– Sie sind doch der Führer, oder nicht?
– Doch, aber ich wurde bereits von den polnischen Herren dort am Tisch beauftragt. Bis ich meinen Auftrag erfüllt habe, bestimmen sie, mit wem ich arbeite.
– Ich bezahle Sie großzügig. – beharrte der Fremde und legte aus seinem beutelförmigen, abgenutzten Geldbeutel hundert zerknitterte Pfund Sterling auf den Tisch.
– Das ist eine Menge Geld. – staunte ich.
– Nicht wahr? Sie müssen nur eines tun: mich in die Wüste begleiten.
Für einen Moment schweiften meine Gedanken ab. So viel Geld hatte wohl noch nie ein Treiber oder Begleiter für eine einzige Reise erhalten. Doch ich habe keine Sehnsüchte, keine Ziele, für die ich es verwenden könnte. Keine Kinder, keine Frau, zu deren Wohl ich es einsetzen könnte. Ich bin ein einfacher, bescheidener Mensch hier am Rand der Wüste, am Kreuzweg der Reiche.
– Großzügiger Herr, doch die Wahrheit ist: Meine Ehre erlaubt es mir nicht, ein bereits geschlossenes Abkommen zu brechen. Allerdings biete ich Ihnen eine Möglichkeit an. Gehen Sie zu den Polen und bieten Sie ihnen fünfzig Pfund und Ihre Dienste an, im Austausch dafür, dass Sie sie auf ihrer Reise begleiten dürfen. Wenn sie einwilligen, nehme ich die restlichen fünfzig Pfund von Ihnen an und begleite auch Sie dorthin, wohin die Herren gehen. Der große Mann zog die Mundwinkel bis zu den Ohren. Sein Grinsen und Blick gaben ihm ein närrisches, fast wahnsinniges Aussehen.
– Sie sind ein wahrhaft ehrenwerter Mann. Darf ich Ihren Namen erfahren?
– Man nennt mich Jusef. Und Sie?
– Mein Name ist István. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Jusef.
– Ganz meinerseits. – Wir schüttelten die Hände, als wäre es längst entschieden, dass er uns auf dem Weg begleiten würde. Dann drehte er sich mit großer Geste um und wechselte vom Arabischen in eine andere Sprache, eine harte, von Konsonanten dichte Redeweise, mit der er auf die Polen zuging, als würde er alte Freunde begrüßen.
Eine Weile beobachtete ich sie. Zunächst schienen meine Auftraggeber nicht recht zu wissen, was sie davon halten sollten, doch sie tauten rasch auf in der Gesellschaft des freundlichen Fremden. Ich blieb nicht den ganzen Abend. Früh zog ich mich in die Ruhe meines Heims zurück und betete. Ich mag keine Gesellschaft, kein Gewimmel. Für mich ist die Stille und der Frieden angenehmer. Auch diese Nacht wollte ich so verbringen, denn morgen, am frühen Abend, breche ich auf – mit sieben oder acht Fremden, weißen Narren, die den Träumen nachjagen. Sie sehnen sich nach langem Leben, dabei haben sie nur noch wenige Tage vor sich.
Kurz vor der Morgendämmerung legte ich mich schlafen und stand am späten Vormittag auf. Ich war es gewohnt, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag zu machen. Wenn das Licht im Zenit auf das Land niederbrennt, muss man im sicheren Schatten verweilen, denn ohne Wasser überlebt nichts lange in der ausgedörrten Glut. Als die Mittagssonne sich langsam nach Westen neigte, wagte ich mich aus dem Haus, warf meinen Beutel über die Schulter und machte mich auf zu den Zelten der Fremden.
Als ich ankam, lagen um das Zelt rot verbrannte Gestalten, übel zugerichtet. Die nächtlichen Trinkgelage und der übermäßige Alkoholgenuss hatten der Sonne genug Spielraum gelassen, um die an europäische Wälder, Wiesen und Städte gewöhnten Männer zu kosten. Nur ein Mann saß ruhig und gefasst am Eingang des Zeltes, in seinem großen Lederkittel und unter einem riesigen, ausgefransten Hut mit breiter Krempe.
– Grüße, mein Freund. – sagte der Fremde namens István, und reichte mir fünfzig Pfund aus dem Mantel hervor. – Milek erwartet dich bereits drinnen. Geh nur!
Ich nahm das Geld entgegen, versteckte es sorgfältig unter meinem Gewand und betrat das große grüne Zelt. Drinnen empfing mich Milek, der Anführer der polnischen Gruppe, zusammen mit einem Mann, der im Gegensatz zu seinen drei Gefährten den Schutz des Zeltes noch rechtzeitig erreicht hatte, und mit Roderyk, seinem verlässlichen rechten Arm, der als Einziger wach und ausgeruht schien.
– Schönen Tag, Jusef! Wie war die Nacht und der Morgen?
– Danke, Herr, gut.
– Hast du heute schon wenigstens drei Gebete gesprochen?
– Ich bete nicht zu ihm, Herr.
– Wie das? Bist du nicht auch ein Gläubiger Allahs?
– Nein, Herr. Ich diene einem anderen.
– Und wem, wenn ich fragen darf?
– Ich würde es Ihnen gerne sagen, aber ich glaube nicht, dass Sie seinen Namen je gehört haben. Auch wenn der muslimische Glaube das gesamte Wüstenland durchzogen hat, glauben Sie mir, es gibt noch viele Götter, die sich dem Blick Allahs entziehen.
Milek sah mich mit einem leichten Ausdruck des Unverständnisses an, dann sprach er:
– Wenn es dir nichts ausmacht, Jusef, wird sich uns ein siebter Reisegefährte anschließen. Du hast ihn beim Hineinkommen wohl bereits getroffen. Ist das für dich ein Problem?
– Ganz und gar nicht, Herr.
– Das freut mich. – Damit reichte er mir weitere fünf Pfund. – Wir haben fünf Pfund Begleiterlohn pro Person festgelegt. Nun sind wir einer mehr.
– Danke, Herr. – nahm ich das Geld mit Begeisterung entgegen. Ich begehre es nicht, doch ich werde langsam ein reicher Mann, so scheint es.
Milak wandte sich daraufhin an Roderyk und erteilte ihm den Befehl: Er sollte alle anderen Gefährten aufwecken, und bis zum Abend musste jeder sein Zelt, die Vorräte, die Waffen und alles, was sie mitgebracht hatten, gepackt haben. Die von der Sonne verbrannten Männer taten es schließlich mit großer Mühe und unter Schmerzen bis zum frühen Abend. Sie hatten sechs Kamele, einen Wagen und zwei Maultiere, die ihn zogen. Keine Spur von den motorisierten Maschinen, wie sie die Engländer oder Deutschen mitzubringen pflegten. Darüber war ich froh. Kein Rauchgeruch, kein schwarzer Ruß in der Luft. Außerdem – die Tiere und selbst der Wagen ließen sich verkaufen, sofern sie heil blieben. Mehr Geld, mehr Reichtum in meinen Händen, dort, wo viele Münzen und viele Scheine kaum etwas wert sind.
Wir brachen kurz vor Einbruch der Dämmerung auf. Milak, ich und vier weitere Polen ritten auf den Kamelen, während Roderyk und István auf dem Wagen saßen und sich unterhielten. Ich holte wieder die kleine Schachtel hervor und studierte die eingravierten Einkerbungen. Ich erinnere mich genau an das blau flackernde Licht der Inschrift und die Melodie, die jener Engländer in jener Nacht hervorlockte. Doch nun – nichts. Weder Licht noch Klang wollten dem Gegenstand entweichen.
So vergingen die Tage nur langsam. Nachts reisten wir, von der Dämmerung bis zum Morgengrauen, tagsüber zogen wir uns in die Zelte und auf den Wagen zurück. Nur ich und István wagten uns hin und wieder hinaus in die Mittagssonne, während die anderen lieber bis zum Abend im Schatten blieben. An einem dieser Tage, als ich hinausging, um die Kamele und Maultiere zu tränken, begleitete mich István.
Während wir unter dem Schatten der über den Wagen gespannten Plane die Tiere versorgten, sprach er mich auf Arabisch an:
– Weißt du, Jusef, du bist ein sehr mutiger Mann.
– Warum sagen Sie das?
– Du bist mit uns in die Wüste gekommen, mit wildfremden Menschen, und du hast weder ein eigenes Kamel noch eine Waffe.
– Ich habe ein Messer, Herr.
– Ja, aber das bringt wenig gegen sieben Männer mit Schusswaffen.
– Wollen Sie andeuten, ich sei in Gefahr? Dass es ihre Absicht sei, mich auszurauben, mir das Leben zu nehmen und mich hier in der Sonne verdorren zu lassen? Glauben Sie mir, Herr, das wäre Selbstmord. Erstens habe ich nichts bei mir, das es wert wäre, mich zu bestehlen, und zweitens würden Sie ohne mich nicht einmal das nächste Oase erreichen, bevor Ihnen das Wasser ausgeht. Oder wollen Sie andeuten, ich würde mit solcher böser Absicht über Sie herfallen – zusammen mit meinen Räuberfreunden, die sich zwischen den Felsen verbergen?
– So etwas habe ich mit keinem Wort gesagt. Ich habe lediglich nach Ihrer Ehrlichkeit nun auch Ihren Mut gewürdigt. Suchen Sie keine Dämonen, wo keine sind.
– Dann bitte ich um Verzeihung, Herr, für die Unterstellung.
– Machen Sie sich nichts daraus … aber sagen Sie – gibt es sie?
– Wen?
– Ihre Freunde zwischen den Felsen.
– Oh, natürlich, Herr. Hunderte. Ich habe jedem einen Pfund angeboten. – sagte ich spöttisch.
– Dann arbeiten sie ja sehr günstig. – scherzte der Fremde.
Die nächtliche Reise ist für das ungeübte Gemüt kein leichtes Unterfangen – doch auch am Tage lässt sich in der Wüste kaum orientieren. Die Besonderheit der Nacht liegt jedoch nicht nur in der kühleren, erträglicheren Luft, sondern auch darin, dass die Sterne am Himmel sichtbar werden. Jeder, der in der Wüste oder auf dem Meer lebt, muss die Sterne kennen, denn nur sie vermögen den Reisenden durch diese öden Weiten zu leiten. Es braucht lange, lange Jahre, bis man sich am nächtlichen Firmament zurechtfindet und die Himmelsrichtungen auf Erden sicher bestimmen kann. Ich bin nur wenigen Menschen begegnet, die über dieses Wissen verfügen. Für die Europäer, die sich hierher verirren, ist das nicht gerade typisch. Sie verlassen sich lieber auf Karten, Kompasse und andere Instrumente – sie hängen förmlich an ihnen. In ihnen ist kein Platz mehr für reines Wissen. Anders der Fremde. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber ich glaube, er betrachtet den Himmel nicht einfach wie die anderen, voller Staunen über das nächtliche Lichterspiel, sondern eher so, wie jemand, der Richtungen bestimmt, Karten liest in dem Gewirr aus Lichtpunkten. Ständig kontrolliert er, wohin wir gehen und woher wir kamen. Das ist gefährlich, aber nicht allzu sehr. In etwas mehr als einem Tag wird er nichts mehr damit anfangen können.
Wie bisher zogen wir bis zur Morgendämmerung weiter, nach Osten, leicht nordöstlich, tiefer hinein in die Wüste. Die polnischen Reisenden, mit Ausnahme von Milek, wurden langsam, aber sicher immer unruhiger. Für etwa zwei Wochen hatten sie Vorräte und Wasser geladen – nun waren wir am fünften Tag. Noch zwei, und wir alle würden vor der Entscheidung stehen: den Weg fortsetzen oder umkehren. Sie wussten, dass Milek diese Entscheidung auf Grundlage meiner Angaben treffen würde, aber sie kannten mich nicht. Die Angst begann langsam Besitz von ihnen zu ergreifen, und die sich bildende Abneigung gegen mich wurde von Stunde zu Stunde greifbarer. Vielleicht hegte selbst Milek einen Anflug von Zweifel, als ich andeutete, dass wir bereits am nächsten Abend das Gebiet erreichen könnten, das sie suchten.
– Woher sollen wir wissen, dass du die Wahrheit sagst? – fauchte einer der Polen.
– Von nirgends. – erwiderte ich. – Ihr müsst mir weiterhin vertrauen.
– Nur, dass wir das nicht mehr garantieren können.
– Es tut mir leid, Herr, aber glauben Sie wirklich, wenn die Quelle so leicht zu finden wäre, dass dann nicht längst die halbe Welt hier wäre, um aus ihr zu trinken?
Das Gesicht des stämmigen Polen, dessen verbrannte Haut voller Wunden war, wurde wieder so rot wie unter der sengenden Sonne. Seine Lippen pressten sich zusammen, die Adern an seinem Hals traten hervor. Aus Angst und Aussichtslosigkeit wurde, angesichts meiner Worte, eine tiefe, dunkle Wut.
– Du unverschämter Hund!
– Genug! – beschwichtigte ihn Milek. – Spart eure Kraft! Selbst wenn wir morgen den Ort erreichen, wo die Quelle sein soll, bleiben uns nur zwei Tage, um sie auch zu finden. Vielleicht drei, wenn wir das Wasser einteilen.
– Es wäre mehr, wenn wir weniger Leute wären. – warf der stämmige Mann ein, und alle warfen mir scharfe Blicke zu.
– Ruhe, meine Herren! – sagte István ruhig, während er eines der Maultiere streichelte. – Vielleicht hättet ihr ohne ihn mehr Wasser, aber mit ihm würdet ihr auch eure Karte wegwerfen. Ihr würdet alle in der Wüste zugrunde gehen.
– An deiner Stelle würde ich lieber schweigen, Fremder. – sagte ein anderer. – Vielleicht brauchen wir ihn, um uns aus der Wüste zu führen, aber dich nicht. Du vergeudest nur unser Wasser.
– Schweigt! – rief Milek.
– Ach, mein Freund, ich dachte, Sie kamen hierher auf der Suche nach Abenteuern. Und das Abenteuer bringt nun einmal mit sich, dass der Abenteurer vielleicht nicht mehr zurückkehrt. Aber damit hätte man doch rechnen müssen – und vielleicht besser gleich zu Hause bleiben sollen.
Der Pole griff mit unbändiger Wut in den Augen nach seiner Waffe. István jedoch blickte ihm mit derselben Ruhe entgegen, selbst als der Lauf des Gewehrs auf ihn gerichtet wurde.
– Genug! – befahl Milek wieder und entriss dem Mann das Gewehr. – Mit diesem Streit kommen wir nicht weiter. Morgen erreichen wir das Gebiet. Dort geben wir uns zwei, vielleicht drei Tage Zeit zur Suche – und kehren dann um.
– Und was, wenn wir nichts finden? – fragte einer der Polen.
– Dann kommen wir besser vorbereitet zurück – sagte Milek.
Langsam erschien die Sonne am Horizont. Die Polen errichteten das Lager, und mit den ersten Strahlen des Tages begaben wir uns zur Ruhe. Zumindest die meisten von uns. In mir nagte eine unterschwellige Furcht – die Angst, dass man mir im Schlaf die Kehle durchschneiden könnte. Doch auch sonst schien der Schlaf niemanden zu finden, auch István nicht. Er starrte gedankenversunken vor sich hin.
– Warum schlafen Sie nicht, Herr? – fragte ich.
– Ich kann nicht schlafen.
– Fürchten Sie sich auch?
– Vor ihnen? Nein. Ich fürchte mich überhaupt nicht. Ich denke nur nach. Ich frage mich, was mit dem geschehen ist, weswegen ich hier bin.
– Herr, ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist, aber wenn man ihn hier in die Wüste geführt hat und er nicht zurückkam, dann lebt er wahrscheinlich nicht mehr. Die Sonne raubt hier draußen jedem das Leben. Ich möchte Sie nicht traurig machen.
– Jusef! Ich bin nicht traurig. Ich bin mir bewusst, dass mein Freund tot ist.
– Wirklich? Warum dann das alles?
– Weil ich ihm einst ein Versprechen gegeben habe. Wenn er je meine Hilfe bräuchte, würde ich ihm beistehen. Dieses Versprechen kann ich nun nicht mehr erfüllen – aber ich schulde ihm, zu erfahren, was mit ihm geschehen ist.
– Woher wissen Sie, dass er hier war? Woher wissen Sie, was ihm geschehen ist?
– Ich fühle es einfach. Er hat mich gerufen. Und wenn jemand mich ruft, dann hat das einen triftigen Grund.
– Wer sind Sie?
– Darauf gibt es keine einfache Antwort. Fragen Sie lieber etwas anderes.
– Woher wissen Sie, dass er hier war? Woher wissen Sie, was ihm geschehen ist?
– Ich habe ihm einst ein Geschenk gemacht, mit dem er mich von jedem Ort dieser Welt erreichen kann.
– Was für ein Geschenk?
– Eine silberne Schachtel, lang und rund. In sie ist eingeritzt: „Ruf mich, wenn du mich brauchst, Freund – und ich werde dich finden.“ Glaub es oder nicht, aber wenn man sie dreht, leuchten die Worte in Blau und eine magische Melodie erfüllt die Luft.
Ich verstummte. Mein Mund wurde trocken, Schweiß rann von meiner Stirn in die Augen.
– Ich weiß, dass mein Freund tot ist. Und ich weiß auch, dass du ihm begegnet bist. Ich weiß nicht, wie die Schachtel in deinen Besitz kam, aber ich weiß, dass du lügst. Ich werde keine Fragen stellen – du würdest ohnehin lügen. Ich warte lieber auf das, was noch kommt. Jusef, du bist ein ehrenhafter und mutiger Mann – das meinte ich ehrlich. Aber glaub mir: du bist töricht, wenn du glaubst, du müsstest dich vor ihnen fürchten.
Der Mann schwieg dann. Keine Drohungen, keine Worte mehr – nur ein altes, abgegriffenes Buch, in das er sich vertiefte.
Die Sonne war noch nicht ganz vom Horizont verschwunden, doch die Dämmerung eilte bereits hastig gen Westen. Da gab Milek den Befehl zum Aufbruch. Er wollte keine Zeit vergeuden – und so setzten wir unseren Weg eilig fort.
Schließlich erreichten wir den ersten Wegweiser aus Stein.
– Wir nähern uns langsam – sagte ich. – Wenn wir in diese Richtung weiterziehen, werden wir noch drei Felsen passieren, danach erscheint eine einsame Säule. Irgendwo dort liegt das, wonach ihr sucht – aber wie es in der Legende heißt, richten Kurgarru und Kalaturru jeden zugrunde, der es wagt, sich dorthin zu begeben.
– Das sehen wir, wenn wir dort sind – antwortete Milek.
So setzten wir unseren Weg durch die Wüste fort, Schritt für Schritt, Fels um Fels. Und schließlich, nach dem letzten Felsen, zeichnete sich im Licht des Mondes deutlich die Silhouette des einsamen Felsenturms ab.
– Dort ist er, mein Herr – sagte ich. – Der Turm, an dessen Fuß die Höhle liegt, in deren Tiefe angeblich die Quelle des Wassers des Lebens verborgen ist. Der Ort, über den Kurgarru und Kalaturru wachen.
– Dämonen? – fragte einer der Polen zweifelnd.
– Golems. Geschöpfe aus Ton und Lehm, die Enki, der oberste unter den Göttern, einst mit der Bewachung der Quelle der Göttin der Fruchtbarkeit, Innin, betraute.
– Kindermärchen – meinte der Pole.
– Du glaubst an die Quelle der ewigen Jugend so sehr, dass du ans Ende der Welt reist, aber zweifelst an den Golems, die sie bewachen sollen? – entgegnete István.
– Schluss jetzt! – unterbrach sie Milek. – Ob es Golems gibt oder nicht, wir brechen bald auf. Wir nehmen eine Kreisformation ein, mit Blick in alle Richtungen. Langsam, aber stetig wird uns das Morgengrauen erreichen. Bevor die Sonne aufgeht, bleiben wir hier.
So hielten wir es. Wir schlugen unser Lager hinter dem Felsen auf und warteten auf die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Ein Teil der Polen schlief ein, als hätten sie nichts zu befürchten, während Milek und zwei seiner Männer geschäftig ihre Waffen vorbereiteten. Nur einer von uns, der zu keiner dieser Gruppen gehörte, war István. Als der Plan gefasst wurde, hatte er sich freiwillig bereit erklärt, die Umgebung zu beobachten, und war auf den Felsen geklettert, wo er im Schneidersitz bis zum Anbruch der Dämmerung Wache hielt.
Wir befanden uns östlich des Felsenturms, sodass die ersten Sonnenstrahlen von hinten über uns hereinbrachen. Als der Moment gekommen war, bestiegen wir die Kamele und den Wagen und bewegten uns langsam, aber stetig auf den Felsen zu. Mileks Plan war, uns dem Turm zu nähern und die Lage zu erkunden – ob eine Gefahr drohte, oder nicht. Sollte die Luft rein sein, würden wir mit der Suche beginnen.
Die Karawane bewegte sich ruhig im weichen, noch kühlen Licht der ersten Morgensonne. Wir erreichten den ersten Felsen, dann den zweiten. Doch beim dritten änderte sich etwas. Nach dem dritten Felsen wurden die Kamele und Maultiere unruhig.
– Haltet die Tiere zurück! – befahl Milek. Doch die Tiere beruhigten sich nicht.
Plötzlich sprang der zweifelnde Pole von seinem Kamel.
– Hier ist kein Monster! – rief er. – Vielleicht streift hier ein Löwe oder Leopard umher, der die Tiere aufschreckt. Wäre eine gute Beute für einen neuen Teppich.
– Ich weiß nicht, was für ein Fell jener Löwe oder Leopard haben soll, der in dieser tiefen Wüste überlebt – aber ich bezweifle, dass es besonders erwähnenswert ist – spottete István.
Der Pole richtete seine Waffe auf ihn.
– Jetzt reicht’s! – fauchte er.
– Halt! – befahl Milek.
Doch Istváns bisher ruhiger, spöttischer Blick veränderte sich. Er legte beide Handflächen auf den Wagen und lauschte. Nach wenigen Sekunden spürte auch ich es – die Erde bebte. Sie wussten, dass wir hier waren. Der Pole redete weiter, schimpfte, drohte – obwohl das Beben des Bodens nun deutlich zu fühlen war. Milek sah mich erschrocken an – und da! Ein dichter Staubwirbel stieg aus der Erde empor, raste auf uns zu und prallte zuerst gegen den schreienden Polen, dann gegen den Wagen, der in Splitter zerbarst.
Die Tiere gerieten in Panik, wir sahen nichts im aufgewirbelten Staub.
– Alle zu mir! – rief Milek.
Ich wusste bereits, was das bedeutete. Im Wirbel stürzte ich in die entgegengesetzte Richtung zum Klang. Langsam begann sich die Luft zu klären. Drei der sieben Männer hatten sich zu einem Haufen zusammengefunden. Milek sah mich und rief:
– Komm! Schnell! – Dann stieg ein weiterer Staubwirbel auf und schlug in die Gruppe ein. Danach – Stille.
Der aufgewirbelte Staub senkte sich allmählich auf den Boden, und über den reglos daliegenden Körpern erhoben sich die zwei Golems: Kulgaru und Kalaturru. Sie hoben die Leiber auf – genau fünf – und begaben sich in Richtung des Turmes. Als sie an mir vorbeigingen, sprach einer von ihnen mit dröhnender, tiefer Stimme:
– Komm mit uns. Die Herrin ruft dich.
Zum ersten Mal in meinem Leben sprachen sie zu mir. Zum ersten Mal rief mich meine Göttin. Es war die größte Ehre meines Lebens. Die Weisen, die mich einst in den Glauben an unsere Göttin eingeführt hatten, erzählten Geschichten über die Belohnung, die jenen zuteilwird, die sie mit unermüdlichem Willen und reiner Hingabe dienen. Ich hätte nie gedacht, dass sie dies in mir erkennen würde – dass meine treue Seele wahrhaft würdig wäre – doch offenbar war sie es. Ich kümmerte mich nicht weiter um die fünf, die die Golems mitgenommen hatten, ebenso wenig um die beiden, die fehlten. Wahrscheinlich hatte sie der Tod beim Angriff ereilt. Die Wüste würde sie verschlingen und weiter wachsen. Vielleicht würde sie eines Tages die ganze Welt verschlingen.
Langsam erreichten wir den Felsenturm, an dessen Fuß sich eine Höhle befand. Der Eingang war von kleinen und größeren Felsen umrahmt – gut verborgen vor den neugierigen Blicken der Ferne. So nah war ich diesem Ort noch nie gekommen. Was würde mich dort unten erwarten? Welche Wunder würden meine sterblichen Augen erblicken, und was wäre der Lohn für mein fleischliches Gefäß? Die Höhle war feucht, dunkel und kühl. Ein feuchter Hauch strich über meinen Körper. Es war stockfinster – kein Sonnenstrahl drang mehr bis hierher.
– Folge einfach dem Klang unserer Schritte – sagte erneut die dröhnende Stimme.
Der Klang und das Glück berauschten mich. Also setzte ich den Weg fort, bis ich in der Ferne ein blasses, blaues Leuchten wahrnahm. Wellen tanzten an der Wand, das Rauschen klang wie das eines windgepeitschten Meeres. Wir erreichten das blaue Licht. Wir fanden uns in einer riesigen Halle wieder – einer gigantischen Kaverne, die einen See verbarg, aus dem das blaue Licht hervorströmte.
– … – flüsterte eine blasse Stimme. – … Wo sind wir? – Es war Milek, der auf dem Rücken eines Golems lag.
– Dort, wo du hinwolltest, Milek. An der Quelle. Der Quelle der Göttin Innin.
– Was? Werden wir Leben empfangen? – fragte er töricht.
– Manche vielleicht. Aber ihr werdet es nicht sein. Das Wasser kann nicht einfach so Leben schenken. Es nährt Innin – und kann jenen nähren, der davon trinkt. Doch das Wasser muss ebenfalls genährt werden. Leben kann nur mit Leben ersetzt werden.
Die Golems ließen die fünf Männer am Ufer des Sees zu Boden fallen. Inzwischen waren sie wieder bei Bewusstsein – sie lagen schwach, verletzt und verwirrt am Boden. Einer von ihnen blickte auf das Wasser. Eine Schlammschlange kroch daraus hervor und packte ihn am Knöchel. Er schrie auf und versuchte zu fliehen, zu kriechen – doch der lehmige Rankenarm zog ihn zurück zum Ufer. Seine Haut begann zu ergrauen, dann zu schwärzen – sein Gesicht gefror in einem Ausdruck des Entsetzens, ehe er zu Ton wurde. Schwarzer Ton. Und schließlich sackte er in sich zusammen, seine Gestalt blieb auf seltsame Weise erhalten.
Die Männer sahen sich um. Der Boden war übersät mit in Ton gebannten menschlichen Formen – sterbliche Überreste früherer Abenteurer. Einige Gesichter waren noch erkennbar, eingefroren im grauenhaften Ausdruck ihrer letzten Augenblicke. Sie gerieten in Panik, versuchten sich so schnell wie möglich vom Wasser zu entfernen – doch die Schlammschlangen griffen sie, zerrten sie zurück ans Ufer, zerschmetterten die Tonkörper der vorherigen Opfer und sog das Leben aus ihren Leibern. Neue Statuen entstanden.
Nach dem Verstummen der Todesschreie und Hilferufe legte sich Stille über die Höhle. Vielleicht dauerte es nur Augenblicke, doch mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Die beiden Golems, Kargaru und Kalaturru, knieten sich nieder. Der Boden begann zu beben, das Wasser wurde trüb, sein Spiegel schäumte vor Erschütterung. Ein Fels erhob sich aus der Tiefe, in den ein Thron gehauen war – auf diesem Thron saß eine wunderschöne, vollbusige, langhaarige Frau mit dunkler Haut, nackt. Ihre Augen waren schwarz wie die Leere. Man konnte kaum glauben, dass sie keine Göttin sei.
– Bist du also …?
Vor Staunen blieben mir die Worte im Halse stecken.
– J-ja, meine Herrin. – sagte ich kniend.
– Komm näher … Nur zu, ich werde dir nichts tun. Du bist der letzte wahre Gläubige, der mir auf dieser Welt geblieben ist.
– Es sind wirklich nicht mehr viele von uns, aber der Letzte bin ich gewiss nicht.
– Nur in dir spüre ich noch jenen reinen Glauben, den eine Gottheit braucht. Jenen, den ich belohnen und mit einer Aufgabe betrauen will.
– Du ehrst mich, meine Herrin.
– Mein Priester, mein Erwählter, hat seit Jahrhunderten mein Wort nicht mehr auf Erden verkündet. Ich will das ändern. Ich möchte, dass du meine Güte, meine Gerechtigkeit und meine Macht verkündest und neue Gläubige für mich sammelst. Ich will aus dem Schatten treten und wieder über die Menschen herrschen.
– Ich danke dir für diese Ehre, meine Herrin, und nehme diese gnädige Aufgabe gern an. Doch ich fürchte, ich habe weder Stimme noch Rang, mit dem ich Gehör fände.
– Fürchte dich nicht … Ich lasse dich nicht allein. Ich biete dir mein Wasser an, damit meine Stimme, mein Wille und meine Kraft durch dich sprechen. Als Lohn für deinen Dienst werde ich dein Leben verlängern, solange deine Pflicht dich an mich bindet. Nimmst du dies an?
Am Ufer des Wassers fiel ich auf die Knie und sprach:
– Ja, meine Herrin. Ich werde dir dienen, bis meine Seele meinen Leib verlässt – und auch noch danach.
– Du bist zu leicht zu kaufen … im Gegensatz zu dem, dem ich zuerst begegnete. – sagte eine vertraute Stimme.
Ich drehte mich um und sah István am Eingang der Höhle stehen.
– Wer bist du, dass du es wagst, meine Halle zu betreten? – fragte Innin streng.
– Die Göttin Innin, wenn ich mich nicht irre. – sagte István.
– Ich habe dir eine Frage gestellt, Wurm.
– Arrogant und dumm, wie jede andere Gottheit. Langweilig.
– Du wagst es, mich zu beleidigen, du Nichtsnutz?
– Ach bitte. Ich habe schon Schlimmeres gehört. Gib dir ein wenig Mühe.
– Ku … Gu …! Bringt ihn her, als Opfer!
Die beiden Golems erhoben sich und rannten auf István zu. Er stand ruhig da, zog dann plötzlich ein Schwert und schlug einem von ihnen den Kopf ab, während er dem anderen auswich. Doch der Golem, dessen Kopf gefallen war, setzte sich wenige Augenblicke später wieder zusammen und griff erneut an – István wich nur aus.
– Sieh nur … was mit denen geschieht, die sich widersetzen. – sagte Innin zu mir.
István warf sein Schwert fort und begann, in seinem Mantel zu kramen. Nach kurzer Zeit zog er etwas hervor: zwei Stäbe, verbunden durch eine Schnur. Dieselben Runen zierten sie wie mein eigenes Artefakt, und ebenso flackerte auf ihnen ein blaues Licht. István zog die Stäbe auseinander und schleuderte die Schnur um den Hals des tonernen Giganten. Mit einem Ruck zog er daran – der Kopf fiel erneut – diesmal jedoch wuchs kein neuer nach. Der schwarze Lehm begann zu trocknen, riss auf und zerfiel in Staub.
– Das ist unmöglich! – rief Innin erschrocken.
Kurz darauf zerschnitt István auch den anderen Golem – von der Taille bis zur Schulter – und dieser fiel ebenfalls in Stücke. Danach verstaute er die Schnur ruhig und hob sein Schwert wieder auf. Ich zog die Pistole, die ich Melik abgenommen hatte, und richtete sie auf ihn.
– Tu es … Töte ihn! – befahl Innin.
– Ich an deiner Stelle würde es lassen. – sagte István, während er auf mich zuging.
– Halt! – schrie ich.
– Töte ihn! – rief Innin, und ich drückte ab. Einmal, zweimal, dreimal, dann ein viertes Mal. Alle vier Kugeln bohrten sich in Istváns Brust. Er stoppte kurz – dann ging er weiter.
– Das ist unmöglich. – stammelte ich.
– Nein. Er ist ein Verdammter. – sagte Innin. – Jemand, der zu ewigem Elend verflucht wurde.
Ich zog mein Messer und stürmte auf István zu. Er schwang nur sein Schwert in meine Richtung – und schnitt mir tief in beide Oberschenkel und die rechte Hand. Vor Schmerz brüllend stürzte ich zu Boden.
– Ruhe … – sagte István, und wandte sich weiterhin ruhig und langsam Innin zu.
Ich danke dir, és itt a kért részlet német fordítása irodalmi stílusban, a párbeszédeket továbbra is gondolatjellel jelölve, és a bekezdések szerkezetét megtartva:
Ich blickte zu meiner Göttin – und traute meinen Augen nicht. Furcht lag in ihrem Blick. Echte, aufrichtige Angst – vor einem Menschen.
– Tu das nicht! Ich gebe dir alles, was in meiner Macht steht! – flehte Innin. Jeder Hauch von Göttlichkeit war plötzlich aus ihr gewichen.
István blieb am Ufer des Sees stehen. Die Tentakel krochen nicht zu ihm. Sie ergriffen ihn nicht, verwandelten ihn nicht in eine Statue aus Lehm.
Er zog ein Messer aus seinem Gürtel und sprach:
– Du wolltest ein Opfer von mir, nicht wahr, Innin? Nun, ich werde dir eines geben. – sagte István und zog mit der Spitze des Messers eine Linie über seine Handfläche.
Sein Blut tropfte ins Wasser, das sofort zu kochen und zu brodeln begann.
Innin schrie auf vor Schmerz. Sie begann zu toben, schlug wild um sich. Der steinerne Thron, auf dem sie saß, bekam Risse.
Die Luft füllte sich mit heißem Wasserdampf, die Felswände der Höhle begannen zu bröckeln. Das Wasser im See tobte und schwemmte die zahllosen Leiber aus Lehm davon. Von Augenblick zu Augenblick kam es näher an mich heran, und als die ersten Tropfen meine Haut berührten, begannen sie zu brennen, sie zu ätzen. Doch ich konnte mich nicht rühren, die Wunden hielten mich gefangen.
István schritt auf den Höhlenausgang zu. Als er an mir vorbeiging, sagte er nur:
– Viel Blut klebt an deinen Händen. Manche Gesichter hast du sogar in ihren letzten Momenten gesehen. Sie standen vor dir, auch als du diesen Ort betreten hast. Doch in dir war weder Reue noch Scham. Darum verdienst du auch nichts Besseres. Bleib hier und verende mit deiner Göttin. Möge die Welt euch vergessen. – Und damit verließ er den Saal.
Ich blickte auf den steinernen Thron am See, auf dem einst der wunderschöne Körper meiner Göttin gesessen hatte – nun war er zu einem zerfallenden, entstellten Etwas geworden. Sie wand sich in ihrem Leid, und Stücke ihres Leibes fielen zu Boden. Die Wellen erreichten mich schließlich. Ein Schmerz riss durch mich, als das Wasser in mein Fleisch brannte – und dann kam nur noch Dunkelheit. Tief, öde, grenzenlos.
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